KLASSE 
1/2007


              

Lernort: Lernen für den späteren Beruf


In Sachsen gibt es zahlreiche berufsbildende Schulen mit den unterschiedlichsten Profilen.
Angesichts zurückgehender Schülerzahlen kommt es zu einer zunehmenden Konkurrenz zwischen den einzelnen Schulen. Selten ist auf den ersten Blick klar, wie sich die jeweilige Schule am Ausbildungsmarkt positioniert. Das Berufliche Schulzentrum (BSZ) Oelsnitz im Erzgebirge hat das Problem erkannt und bietet neben einer hohen Ausbildungsqualität und vielfältigen Ausbildungsmöglichkeiten auch Berufsorientierung für Mittelschüler in der Region an.
 

VON LUTZ-WOLFRAM REITER, REDAKTION


Acht verschiedene Schultypen mit jeweils unterschiedlichen Ausbildungsrichtungen, 1 450 Schüler und insgesamt 81 Lehrer mit unterschiedlichem Stundenumfang. Den Kollegen des Beruflichen Schulzentrums für Technik, Wirtschaft und Gesundheit im erzgebirgischen Oelsnitz nahe Chemnitz macht so schnell keiner was vor. Hier finden junge Menschen aus dem Landkreis Stollberg vielfältige schulische Angebote, die sie für ihre berufliche Zukunft brauchen. Frank Helzig, seit 1992 verantwortlicher Schulleiter des BSZ, hält die Zügel straff in der Hand. Denn die Qualität des bisher Erreichten muss auch weiterhin gehalten werden, will sich das Zentrum gegen die zunehmende Konkurrenz behaupten. Gerade für die langsam wieder steigende Nachfrage nach Automobilkaufleuten, Anlagenmechanikern für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik und weiteren Berufen aus dem Metallbaubereich sieht sich der Schuldirektor gut aufgestellt. »Gegenwärtig boomt das Berufsfeld Metalltechnik. Es klingt gut, was ich da so höre. Unsere zwei Schwerpunkte im Schulprogramm – die Lernfelder im dualen System sowie der fachübergreifende Unterricht – helfen, der Nachfrage in puncto Ausbildung gerecht zu werden.«

Modellversuch KOLLT

Doch nicht nur die gegenwärtigen Trends in der Arbeitswelt und der Berufsausbildung sind Thema der gemeinsamen Arbeit in Oelsnitz. Schließlich gibt es auch Berufe mit langer Tradition, die gegenwärtig kaum von Bedeutung sind. Hier gilt es, durch ein sorgfältig zusammengestelltes Angebot seitens der Schule, diese Ausbildungen weiterhin interessant zu gestalten. Die Baubranche ist so ein Beispiel. Seit Jahren sind dort die Ausbildungszahlen stark rückläufig. Der Branche drohte ein Verlust an Fachwissen. Da kam die Möglichkeit, an einem bundesweiten Modellversuch mitzuwirken, gerade recht. Für »Kooperatives Lehren und Lernen in typischen Lernsituationen« – kurz KOLLT genannt – wurden Berufsschulen und Berufsfachschulen gesucht. Das Berufliche Schulzentrum bewarb sich um die Teilnahme und wurde ausgewählt. Nun arbeiten vier Kollegen mit Schülern ausgewählter Ausbildungsjahrgänge zusammen. Ihr Ziel ist das Entwickeln und Erproben bestimmter Lernsituationen. Im Vordergrund steht dabei das Herausbilden und Fördern von Teamkompetenz bei allen Beteiligten. Das hört sich zunächst wie selbstverständlich an, ist aber in der bisherigen Berufsschulausbildung kaum beachtet worden.

Kleingruppen arbeiten praxisorientiert

Umgesetzt in die Schulpraxis ergibt sich folgendes Bild: Die Schüler sitzen in 3er- und 4er-Gruppen zusammen und lösen die ihnen gestellten Aufgaben. Dabei arbeiten sie nach Handlungsbereichen. Im Bereich Beton- und Stahlbetonbau beispielsweise verknüpfen die Schüler unter Anleitung Theorie und Praxiswissen. Für den Bau einer Schalung für Betonträger erstellen sie eine entsprechende Stahlliste am Computer und ziehen daraus zum Beispiel Schlussfolgerungen für Lagerung und Transport des Betons. Dieses Wissen können sie nun auch in ihrem Ausbildungsbetrieb nutzen. Je nach Aufgabe und Schwierigkeitsgrad arbeiten die jungen Menschen mehr oder weniger zusammen. Die Ergebnisse können sie auf spezieller Lernsoftware im jederzeit nutzbaren Computerkabinett überprüfen. Zum Schluss präsentieren dann die Lerngruppen ihre Ergebnisse vor den anderen Schülern. Der Einsatz multimedialer Hilfsmittel gehört dabei schon zum guten Ton. Insgesamt ist der Lehrer Stefan Greims mit den bisherigen Zwischenergebnissen des Modellversuchs zufrieden. »Es wurde besser angenommen als der klassische Frontalunterricht. Trotzdem gibt es den einen oder anderen Schüler, der damit gar nichts anfangen kann.« 

Lehrer proben Teamarbeit

Reinhild Becher, Stefan Greims, Thomas Fritzsche und Frank Bauer sind die Kollegen, die sich dieser Aufgabe seit rund zwei Jahren widmen. »Wir im Lehrerteam planen gemeinsam den Unterrichtsverlauf so, dass wir Didaktisches und Fachliches miteinander koppeln. Wichtig dabei ist, dass wir Indikatoren finden, mit deren Hilfe wir die Teamfähigkeit erfassen können«, erklärt Stefan Greims die tägliche Arbeit. Dabei stehen die Schüler im Mittelpunkt, aber auch das Verhältnis Lehrer-Schüler und Lehrer untereinander sind wichtige Bestandteile des Modellversuches. »Am Anfang war die Skepsis bei allen groß. Wir Lehrer sind im Laufe der Zeit wirklich zu einem Team geworden«, ergänzt der Fachberater Thomas Fritzsche seinen Kollegen. Doch bei aller Neugier auf Neues verlieren die beiden erfahrenen Lehrkräfte nicht das eigentliche Ziel des Unterrichts aus den Augen: Vermitteln des Lehrstoffs und Aneignen von Praxiswissen für den bevorstehenden Berufsalltag. Denn, »wer einen ordentlichen praxisorientierten Fachunterricht machen möchte, muss die Schüler selbstgesteuert und selbstorientiert lernen lassen«, so sind sich die Kollegen einig.

Modell Berufsvorbereitung/Berufsorientierung

Frank Bauer, seines Zeichens Baufachlehrer am Beruflichen Schulzentrum, betreut ein weiteres Modellprojekt. Berufsvorbereitung/Berufsorientierung steht auf seinem Programm. Dabei erhalten Schülerinnen und Schüler aus den umliegenden allgemein bildenden Schulen einen ersten Einblick in die Berufsausbildungen. »Zu mir kommen die 13- bis 14-Jährigen aus den siebten Klassen der Region. Meist sind es um die 26 Schüler pro Tag«, umreißt Bauer seine Zielgruppe. In den insgesamt 12 Stunden, aufgeteilt auf zwei Tage, lernen die Schüler neben entsprechender praktischer Arbeit auch Theoretisches wie Arbeitsschutz und methodisches Vorgehen. Doch im Vordergrund steht die praktische Erfahrung. »Da wird schon mal ein einfaches Wandstück einer 12er-Wand auf- und nach gemeinsamer Auswertung wieder zurückgebaut«, beschreibt der jugendlich wirkende Baufachlehrer die anstehende Projektarbeit. Dabei ist die Schülerschar das eine oder andere Mal nur mit Mühe davon abzuhalten, bei den abschließenden Gruppenbesprechungen nicht gleich den Werkraum auf den Kopf zu stellen. »Manche nutzen ihre Chance und versuchen, vorhandene Materialien und Werkzeuge auszuprobieren. Sobald sie nicht beschäftigt sind, beschäftigen sie sich selbst«, schmunzelt Bauer. Am Ende erhalten alle Schüler jeweils eine Zensur für ihr Engagement und Tun. Seit diesem Schuljahr läuft das Modellprojekt, die Resonanz ist viel versprechend. Fast täglich bekommt das BSZ Anfragen von Mittelschulen, ob eine Kooperation möglich sei.

Erste Erfolge sind sichtbar

Diese positiven Erfahrungen stimmen den agilen Schulleiter zufrieden. Der eingeschlagene Weg der Schule ist Erfolg versprechend. Auch der Landkreis Stollberg als Schulträger engagiert sich. In der Region ansässige, international operierende Firmen, beispielsweise aus der Metallbranche, schicken ihren Nachwuchs bewusst nach Oelsnitz. Sicher mit gutem Grund. 

 

 

Berufliches Schulzentrum für Technik, Wirtschaft und Gesundheit Oelsnitz/Erzgebirge
Schulleiter: Frank Helzig
Badstraße 4, 09376 Oelsnitz/E.
Telefon: 03 72 98 3360
E-Mail: sekretariat@bsz-oelsnitz.de
www.bsz-oelsnitz.de

 

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