Forum der Medizin Dokumentation und Medizin Informatik 
3/2006


              

Kooperatives Lehren und Lernen in typischen Lernsituationen (KOLLT)

Der sächsische MDA-Lehrplan und der Bund-Länder-Kommission-Modellversuch


Sachsen beschreitet in der MDA-Ausbildung hinsichtlich
der Ausbildung beruflicher Handlungskompetenz neue Wege, indem ein evaluierter Lehrplan in Kraft getreten ist, der sich von der klassischen Fächersystematik gelöst hat. Außerdem ist das Berufliche Schulzentrum 9 Leipzig mit der MDA-Ausbildung in den BLKModellversuch
KOLLT integriert, der Lernsituationen für den Lehrplan entwickelt, erprobt und evaluiert.

Das Thema dieses Beitrags wurde im Rahmen der DVMD-Tagung in Erlangen im März 2006 als Poster präsentiert.

 

 
   Das Lernfeldkonzept

   Der Lehrplan

   Der BLK-Modellversuch KOLLT

   Ausblick
 

 

 

Das Lernfeldkonzept

Die Wissenschaft unterscheidet bei den Lehrplan-Begrifflichkeiten in Praxis (Betrieb) und Theorie (Schule). In der Praxis gibt es berufliche Aufgabenbereiche innerhalb eines Handlungssystems, die Handlungsfelder genannt werden. Solch ein Handlungsfeld setzt sich aus einer Vielzahl von Handlungssituationen zusammen.

Der lernfeldstrukturierte Lehrplan orientiert sich im berufsbezogenen Bereich an typischen beruflichen Handlungssituationen. Diese werden, in Anlehnung an Arbeitsverfahren und Geschäftsprozessen, zu sinnvollen Handlungszusammenhängen gebündelt und bilden die Grundlage für die Lernfelder in der Theorie. Lernfelder sind für den Unterricht durch Lernsituationen zu untersetzen, die exemplarisch für berufliche Handlungssituationen stehen. Sie konkretisieren und präzisieren die Vorgaben des Lernfeldes (siehe Abb. 1). Die curriculare Arbeit ist vor Ort an den Schulen zu leisten und umfasst die Auswahl, Begründung und Konzeption von Lernsituationen. Neben der Vermittlung von Fachkompetenz ist im Lernfeldkonzept auch die Entwicklung von Human- und Sozialkompetenz ein Schwerpunkt. Diese drei Kompetenzen bilden zusammen die Handlungskompetenz, deren Entwicklung von der Kultusministerkonferenz (KMK) als Hauptaufgabe der beruflichen Bildung benannt wird [1].
 

Handlungssituationen
sind typische Handlungen im beruflichen Alltag
werden über die didaktische Analyse zu Lernfeldern transformiert

Lernfelder
sind schulisch aufgearbeitete Handlungsfelder
orientieren sich an beruflichen Aufgabenstellungen und Handlungsabläufen werden durch Ziele und Inhalte beschrieben

Lernsituationen
konkretisieren ein Lernfeld mittels didaktischer Reflexion

 Abb. 1: Lernfeldkonzept

 

 

Der Lehrplan

Für die duale Berufsausbildung existieren KMK-Rahmenlehrpläne. Hier wurde 1996 erstmals eine Strukturierung nach Lernfeldern verbindlich eingeführt. Ein KMK-Rahmenlehrplan kann von den Bundesländern übernommen werden oder mit Veränderungen als Landeslehrplan zur Anwendung kommen.

Die berufsfachschulische Ausbildung unterliegt in der Regel der Gesetzgebung der Länder (Ausnahmen bilden bundesrechtlich geregelte Berufe), sodass oftmals kein KMK-Rahmenlehrplan vorliegt.

Sachsen erstellt und überarbeitet für die berufsfachschulische Ausbildung unter der Leitung des Comenius-Institutes, eine dem Sächsischen Kultusministerium nachgeordnete Behörde, seine eigenen Lehrpläne.

Seit August 2005 gilt in Sachsen ein neuer Lehrplan für die Berufsfachschule »Medizinische/r Dokumentationsassistent/in«. Der seit 1997 geltende Lehrplan, der nach einer Fächersystematik geordnet war, wurde durch einen nach Lernfeldern strukturierten Lehrplan abgelöst (siehe Abb. 2 und 3) [3].

 

Unterrichtsfächer und Praktika 

Klassenstufe

Berufsübergreifender Bereich (Fächer) 1 2 3
Deutsch 32 32 32

Sozialkunde 

- 32 32
Wirtschaftskunde  32 32 32
Sport  32 32 32
Religion oder Ethik 32 32 32
       
Berufsbezogener Bereich (Lernfelder)      
1  Dokumentationseinheiten erfassen und erschließen  160 - -
2  Daten recherchieren und präsentieren  192 - -
3  Im beruflichen Umfeld orientieren  160 - -
4  In englischer Fachsprache kommunizieren  64 64 64
5  Medizinische Daten verwalten  - - 96
6  Diagnosen und Prozeduren verschlüsseln 224 192 192
7  Medizinische Leistungen überprüfen und abrechnen - - 96
8  Qualitätssichernde Maßnahmen entwickeln und anwenden - - 96
9  Kunden beraten, betreuen und schulen - - 128
10 Formulare und andere Schriftstücke erstellen 64 128 -
11 Medizinische Daten zusammenstellen und biometrisch auswerten 128 160 -
12 Datenbanken erstellen, pflegen und abfragen - 160 96
13 Studien planen und durchführen - 256 -
14 Studien auswerten  - - 192
       

 Berufspraktische Ausbildung

320 320 320

 Abb. 2: Stundentafel

 

Lernfeld 6:

Diagnosen und Prozeduren verschlüsseln Erläuterung

Voraussetzung für das Verschlüsseln medizinischer Leistungen ist das Verständnis von anatomischen und physiologischen Zusammenhängen, pathologischen Veränderungen und die Zuordnung von diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten. Anliegen des Lernfeldes ist es, die Schülerinnen und Schüler zu befähigen, Diagnosen und Prozeduren anhand ausgewählter Beispiele korrekt zu verschlüsseln, deren Vollständigkeit und Plausibilität zu überprüfen, um Voraussetzungen für eine exakte Abrechnung zu schaffen.

Zielformulierung

Die Schülerinnen und Schüler wenden lateinische und griechische Fachtermini an und leiten über Wortbildungselemente deren Bedeutung ab. Sie verstehen die in medizinischen Texten verwendeten Synonyme.
Die Schülerinnen und Schüler strukturieren den menschlichen Organismus anhand von Organsystemen. Sie systematisieren anatomisches Wissen und leiten wesentliche physiologische Zusammenhänge ab.
Die Schülerinnen und Schüler ordnen den Organsystemen wesentliche Erkrankungen zu. Sie leiten entsprechende diagnostische und therapeutische Maßnahmen ab.
Die Schülerinnen und Schüler finden zu den Diagnosen passende Schlüsselnummern und kodieren wichtige diagnostische und therapeutische Maßnahmen anhand eines Algorithmus. Dabei verwenden sie verschiedene medizinische Ordnungssysteme. Sie überprüfen die Plausibilität der Prozeduren in Bezug auf die Erkrankung. 
Die Schülerinnen und Schüler unterscheiden Haupt- und Nebendiagnosen sowie die dazugehörigen Prozeduren. Sie wenden die durch den Gesetzgeber vorgegebenen aktuellen Richtlinien an.

Inhalte

Topografische Orientierung am Organismus, Bau und Funktion der Organsysteme, Gesundheit und Krankheit, wesentliche diagnostische und therapeutische Maßnahmen, ICD und OPS, TNM, Kodierrichtlinien, Verschlüsselung der Inhalte einer Krankenakte

Didaktisch-methodische Hinweise

In der didaktischen Aufbereitung dieses Lernfeldes ist zu beachten, dass keine Detailkenntnisse vermittelt werden, sondern ein Grundverständnis über medizinische Sachverhalte ausgeprägt wird. Insbesondere ist dabei auf eine sachgerechte Anwendung medizinischer Fachbegriffe Wert zu legen. Ausgehend von einer ganzheitlichen Betrachtungsweise des Menschen sind anatomisch-physiologische Zusammenhänge zu erarbeiten, sodass die Schülerinnen und Schüler über ein Grundlagenwissen zu Aufbau und Funktion des menschlichen Organismus verfügen. 
Beginnend mit grundlegenden medizinischen Sachverhalten, Diagnosen und Prozeduren werden Krankheitsbilder zunehmend komplex bearbeitet. Dabei ist wichtig, dass Diagnosen und Prozeduren zugeordnet und Plausibilitätsprüfungen durchgeführt werden. Dokumentarische Fähigkeiten und medizinisches Wissen werden im Kontext vermittelt. Schwerpunkt des Unterrichts sind beruflich relevante Handlungsabläufe. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten sowohl mit gedruckten medizinischen Ordnungssystemen als auch mit entsprechender Kodiersoftware. 
Methodisch geeignet sind schülerzentrierte Unterrichtsformen, wie z.B. die Arbeit mit Leittexten und die Bearbeitung von Fallbeispielen.

 

Abb. 3: Auszug aus dem Lehrplan

 

 

Der BLK-Modellversuch KOLLT

Im sächsischen BLK-Modellversuch KOLLT sollen beispielhafte Lernsituationen zum kooperativen Lehren und Lernen entwickelt, erprobt und evaluiert werden. KOLLT leistet einen Beitrag zum Modellversuchsprogramm »Selbstgesteuertes und kooperatives Lernen in der beruflichen Erstausbildung« (SKOLA) der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung (BLK). Ein Schwerpunkt ist die Integration von Teamfähigkeit. Nach der Evaluation der Lernsituationen durch die Pilotschulen sollen diese Lernsituationen an Transferschulen erprobt werden.

Pilotschulen sind drei sächsische Berufliche Schulzentren, darunter das BSZ 9 Gesundheit und Sozialwesen Leipzig mit dem Bildungsgang »Medizinische Dokumentationsassistenten «. Der BLK-Modellversuch wird von der Technischen Universität Dresden, Institut für Berufspädagogik, wissenschaftlich begleitet. Er hat eine Laufzeit bis September 2008 [2, 4].

Die Entwicklung einer Lernsituation an einem einfachen Beispiel Lernsituationen werden auf der Grundlage der in den Lernfeldern festgelegten Ziele und Inhalte entwickelt. In der Regel haben sie einen Umfang von 20 bis 40 Stunden, können aber vor allem zu Beginn eines Lernfeldes auch wesentlich kleiner sein. Lernsituationen werden handlungsorientiert formuliert, sind exemplarisch und enthalten komplexe berufliche Aufgabenstellungen sowie die angestrebten Kompetenzen, die zur Bewältigung der Aufgabe notwendig sind (siehe Abb. 4).

 

Thema der Lernsituation : Erkrankungen der Haut und dazugehörige Prozeduren verschlüsseln

Zeitrichtwert

20 Unterrichtsstunden

Lernvoraussetzung

Histologie (LF 6), Rechtsgrundlagen (LF 3), Methoden des selbstständigen und wissenschaftlichen Arbeitens (Deutsch)

Curriculare Einordnung

1. Ausbildungsjahr, ...

Berufliche Problemstellung (Fallbeispiel)

Die MDA Antje Schmidt erhält die Krankenakte des Patienten Michael Mustermann, 45 Jahre alt, 80 kg schwer, 180 cm groß, Beruf Schweißer, mit dem Auftrag der Verschlüsselung aller Diagnosen und Prozeduren, um die Akte an die Abrechnung weiterleiten zu können. In der Krankenakte wird folgender Behandlungsverlauf dokumentiert: Der Patient wird mit Verbrennungen 2. und 3. Grades im linken Arm- und Brustbereich ins KH eingeliefert. 13 % der Gesamtkörperoberfläche sind betroffen. Der Patient wird sofort chirurgisch versorgt (Hauttransplantation) und anschließend für Tage auf die Verbrennungs-ITS verlegt. Tägliche Wundtoilette und Schmerztherapie. Entlassung am 30. postoperativen Tag.

Lernaufgaben (Arbeitsauftrag)

1. Analysieren Sie die Krankenakte nach arbeitsrelevanten Daten.

2. Ordnen Sie die Erkrankungen einem Organsystem zu und erarbeiten Sie die anatomisch-physiologischen Grundlagen.

3. Recherchieren Sie allgemein diagnostische und therapeutische Möglichkeiten zu vier Erkrankungen dieses Organsystems.

4. Wenden Sie die geltenden Kodierrichtlinien an.

5. Verschlüsseln Sie die im Fallbeispiel genannten relevanten Diagnosen und Prozeduren.

6. Reflektieren und überprüfen Sie Ihre Arbeitsergebnisse.

7. Diskutieren Sie mögliche Abweichungen.

Kompetenzen

Die Schülerinnen und Schüler:

beschreiben die Anatomie und Physiologie der Haut; erläutern verschiedene Erkrankungen und dazugehörige diagnostische sowie therapeutische Verfahren; kodieren alle Diagnosen und Prozeduren eines Falles unter Berücksichtigung der Kodierrichtlinien; führen sachliche Auseinandersetzungen mit medizinischem Personal; gehen mit den Patientendaten entsprechend der Gesetzlichkeiten diskret um; analysieren die Daten zunehmend selbstständig; stellen einen effektiven Zeitplan auf und arbeiten danach

Fachinhalte

Hinweise für Lehrer

Recherche kann in Büchern oder im Internet erfolgen Lehrer hat Moderationsaufgabe, um Selbstständigkeit und Kreativität der Schüler zu fördern als Unterrichtsmethode für die 4. bis 7. Lernaufgabe bietet sich das Rollenspiel an

Arbeitsmaterialien

PC, Kodiersoftware, Internet, Arbeitsblatt zur Anatomie der Haut, Advance Organizer

Literatur

Pschyrembel, ICD, OPS, DKR

Leistungsermittlung und -bewertung

 

Abb. 4: Dokumentationsraster für eine Lernsituation

 

Ausblick

Ein Jahr »neuer Lehrplan« ist nun Vergangenheit. Zwei Jahre stehen noch aus, bis der Lehrplan einmal komplett behandelt wurde. Im September 2006 beginnen neue MDA-Schüler die Ausbildung. Das zweite Lehrjahr wird in neuen Lernfeldern unterrichtet, die mit neuen Lernsituationen untersetzt sind. In der curricularen Tätigkeit steht somit noch ein großes Stück Arbeit aus. Nächstes oder übernächstes Jahr kann berichtet werden, wie weit die Entwicklung, Erprobung und Evaluation von Lernsituationen fortgeschritten ist.

 

 

Literatur

[1] Bischoff-Wanner, Claudia: Der Lernfeldansatz. – 2004

[2] www.kollt-sachsen.de

[3] www.sn.schule.de/~ci

[4] www.sachsen-macht-schule.de 

 

Anja Leube, Berufliches Schulzentrum 9 Gesundheit und Sozialwesen, Leipzig 
E-Mail:
leube.anja@gmx.de 

[Download PDF - MDI 3/2006]

 



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